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Petitionen

Erklärung der russischen Sektion von AICA

Erklärung der russischen Sektion von AICA betreffend der Auflösung des Staatlichen Zentrums für moderne Kunst in Moskau

Wir, die Mitglieder der russischen Sektion von AICA, äußern unsere große Besorgnis bezüglich des Verlustes der Unabhängigkeit des Staatlichen Zentrums für moderne Kunst in Moskau GZSI (Gosudarstwennij Zentr sowremennogo iskusstwa). Diese sich in Moskau befindende führende Organisation war - gemeinsam mit ihren sieben regionalen Filialen – die Hauptinstitution für das Sammeln, Forschen und Popularisieren der modernsten Kunst in Russland.
Das GZSI entstand im Jahre 1992 im Laufe der demokratischen Reformen mit dem Ziel, die aktuelle moderne Kunst als das Erbe der sogenannten „nonkonformistischen Kunst“ der ehemaligen Sowjetunion staatlich zu unterstützen und deren künstlerische Weiterentwicklung zu fördern.
Mit dem Faktum der Gründung eines solchen Zentrums, des GZSI, an sich hob das Kulturministerium des neuen Russlands die gängige Praxis der Unterdrückung moderner, unabhängiger, bahnbrechender Künstler auf,
wie es seit dem Anfang der 1930-er Jahre in der von der kommunistischen Partei der UdSSR durchgeführten Kulturpolitik der Fall war.
Das GZSI wurde zu einem Instrument der Anerkennung und der Popularisierung der avantgardistischen Richtungen in der russischen Kultur. Innerhalb von 24 Jahren seiner Tätigkeit organisierte das GZSI hunderte Ausstellungen nicht nur in Moskau und im Ausland, sondern vor allem auch praktisch in allen großen Städten Russlands, wohin Ausstellungen dieser avantgardistischen Kunst bisher noch nie gekommen waren. Das GZSI kuratierte russische Ausstellungspavillons auf verschiedenen Biennalen. Gleichzeitig initiierte das GZSI zwei der größten Veranstaltungen in Moskau: den jährlichen Künstler-Wettbewerb „Innovation“ und die Moskauer Biennale Junger Kunst. Die vom GZSI organisierten Wanderausstellungen, die Herausgabe von Publikationen sowie die Vorlesungen förderten die Entstehung einer lebendigen Kunstszene und waren Impulsgeber für professionelle moderne Künstler, Sammler und Galeristen in der russischen Provinz. Die konsequent gegründeten Filialen von GZSI in St. Petersburg, Kaliningrad, Nishnij Nowgorod, Ekaterinenburg, Wladikawkas, Tomsk und Samara dienten als Basis für die Heranführung der russischen Bevölkerung an die modernsten Strömungen in der Kunst der Gegenwart. Es war geplant, die Zahl der Filialen im weiteren Verlauf zu vergrößern. Das Moskauer Hauptquartier der GZSI wurde zu einem der wichtigsten Zentren der wachsenden, lebendigen Kultur, wo sich bei Vorlesungen, in den Meisterklassen, bei Diskussionen oder einfach im Kaffeehaus Künstler, Kunsthistoriker, Kunstkritiker und Kunstinteressierte aus verschiedenen Ländern trafen.
Die Sammlungen wuchsen schnell, die Archive mit Schriften, Video- und Fotomaterialien forderten immer mehr Platz, das Kollektiv der Mitarbeiter nahm zu, der einzige vorhandene Ausstellungsraum war allmählich nicht mehr imstande, alle gewünschte Ausstellungen unter zu bringen. Nach einer mehrjährigen Suche nach Investoren, öffentlichen Budgetmitteln und einem passenden Baugrund begann endlich in Moskau die Errichtung eines allen Forderungen entsprechenden Museumsgebäudes für das GZSI. Ein riesiges Haus auf dem Chodynskoe Pole sollte zu einem „russischen Centre Pompidou“ werden – wie es nicht ohne Stolz der Gründer und Leiter des GZSI, der Kunsthistoriker Leonid Bashanow, den Journalisten mitteilte.
Jedoch: Dieses Gebäude wird nicht dem GZSI dienen. Ende Mai 2016 wurde das GZSI gemäß der Verordnung des Kulturministers Russlands Vladimir Medinskij de facto vernichtet. Das Zentrum verlor seine juridische, finanzielle und wissenschaftliche Unabhängigkeit und wurde - als eine Abteilung - dem ROSIZO untergeordnet, einer Organisation, derer Hauptaufgabe jahrzehntelang ausschließlich in der technischen und logistischen Unterstützung der Ausstellungstätigkeit verschiedener Museen Russlands bestand. Diese Institution besorgte die Herstellung von Transportkisten und die Verpackung der Kunstwerke, erledigte die Zolldeklarationen und hatte eigene Transportmittel.
Abgesehen davon managt ROSIZO den „Staatlichen Museumsfonds“. Gemäß den Entscheidungen der Akademie für bildende Künste, des Künstlerverbandes und in postsowjetischen Zeiten der Museumskustoden wurden in diesen Museumsfonds Kunstwerke deponiert. Von diesen Werken suchten die Experten des Kulturministeriums die besten zur Ergänzung der Bestände der Museen des ganzen Landes aus. Die übrig gebliebenen Werke landeten automatisch im Fonds ROSIZO. Im Laufe der Jahre sammelten sich hier 40 000 Exponate, hauptsächlich typische Beispiele der sowjetischen offiziellen Kunst des „Sozialistischen“ Realismus an. Jetzt sollen in diesem riesigen Bestand die 5000 Objekte der „postsowjetischen“ freien, experimentellen Kunst der Sammlung GZSI aufgehen.
Die Mitarbeiter von ROSIZO sind zwar sehr erfahrene Leute, aber ihre professionellen Kenntnisse schließen die Sphäre der modernen zeitgenössischen Kultur nicht ein. Diese Tatsache gibt der neu ernannte Direktor von ROSIZO, Sergej Petrow – ein begabter Manager, Absolvent der Militärhochschule, eine Zeit lang im Regierungsapparat des Kremls - den Journalisten gegenüber ganz offen zu. Das Kulturministerium stellte aber dem erweiterten ROSIZO neue, weit von ihren ursprünglichen logistischen und technischen Agenden entfernte Aufgaben. Das Kulturministerium sieht ROSIZO als eine der „Lokomotiven“ für die „weitere Fahrt“ der neuen offiziellen Kunst. Der Zeitung „Kommersant“ gegenüber gaben Mitarbeiter des Ministeriums folgende Erklärung für die Entscheidung des Kulturministers ab: „Die Zusammenlegung der beiden Sammlungen ROSIZO und GZSI schafft die größtmögliche Basis von Kunstwerken des XX. und XXI. Jahrhunderts. Sie bietet die Möglichkeit, noch mehr Ausstellungen und Veranstaltungen in verschiedenen Regionen von Russland zu organisieren“. ROSIZO, das früher keine eigenen Ausstellungsräume hatte, bekam auf einmal einen großen Pavillon in Moskau, genannt „Galerie ROSIZO“, zur Verfügung gestellt. Hier werden auch schon Ausstellungen veranstaltet. Diese präsentieren sowohl reaktionäre Tendenzen der sowjetischen offiziellen Kunst als auch den von bürokratischer Phantasie neu erfundenen berüchtigten „Patriotischen Realismus“. Um dieses zweifelhafte Material zu legitimieren, vermischt man es bewusst mit Werken schon längst anerkannter Meister der nicht offiziellen Kunst wie Erik Bulatow oder Oskar Rabin. Für Vertreter der aktuellen Avantgarde ist der „Zutritt“ in diese Galerie sicher nicht möglich. Ab jetzt ist für sie die Möglichkeit, ihre Werke in den Räumen von GZSI und seinen Filialen auszustellen, verloren. Der Hauptsaal von GZSI verlor seine ursprüngliche Funktion und wird in Büros für neue Mitarbeiter umgebaut. Videoapparate transportierte man ins Depot. Alle Ausstellungspläne wurden außer Kraft gesetzt. Für Versammlungen und Treffen mit Außenstehenden braucht man ab sofort die, einen Monat vorher anzusuchende Zustimmung der administrativen Leitung von ROSIZO.
Die Einverleibung des GZSI hat ganz negative Folgen nicht nur für die zahlreichen Mitarbeiter dieser Netzwerk-Organisation, sondern auch für die Künstler Russlands, für die gesamte kulturelle Situation im Land und für die Entwicklung der russischen Gesellschaft. Aber gerade nach diesem negativen Resultat strebt das Kulturministerium Russlands, das während der zehn letzten Jahren einen versteckten aber konsequenten Kampf gegen die aktuelle Kunst des eigenes Landes führte. Ab jetzt geht dieser Kampf in eine neue, offene Phase über. Die Vernichtung von GZSI und seinen Filialen kann man als Rückkehr der kommunistischen Methoden der ideologischen Kontrolle über jene Institutionen in Russland betrachten, deren Aufgabe die Verbreitung, Popularisierung, Forschung und Aufbewahrung der modernsten Kunst ist. Dieses „Rezidiv der Kulturpolitik der KPdSU" muss, unserer Meinung nach, kategorisch verurteilt werden.
Wir, die russischen Mitglieder der russischen Sektion der AICA appellieren an die Kollegen anderer nationalen Sektionen, und an die Leitung der Organisation, sich mit Ihren Stimmen unserem Protest gegen die Liquidierung des GZSI und seiner Filialen anzuschließen.

Andrej Erofeew (Co-Vorsitzender der Russischen Sektion)
Nina Getaschwili (Co-Vorsitzende der Russischen Sektion)
Iosif(Josef) Bakstein
Marina Dmitriewa
Larisa Kaschuk
Andrej Kowaljow
Julija Liederman
Vitalij Pazjukow
Elisaweta Plawinskaja
Olga Postnikova
Natalja Semjonowa
Anna Tolstaja