Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD
  Berliner Symposium 1999
  Nicola Kuhn
Deutsche und angelsächsische
Kunstkritik im Vergleich
  (1)

    »Sprache in der Kritik« ist laut Programm das Thema des nun folgenden Referats. Ich möchte Sie um Nachsicht bitten, wenn ich dieses große Kapitel mit meinem Beitrag nur antippe, denn ich stehe vor Ihnen wiederum als Vertreterin des eigentlichen, am Ende tatsächlich nicht bestätigten Referenten. Zwei jeweils zweimonatige Auslandsstipendien, 1996 in Philadelphia und 1998 in London, ließen mich bei den Organisatoren als geeignet dafür erscheinen, daß ich durch meine dort gemachten Erfahrungen Ihnen etwas über »Sprache in der Kritik« zumindest im Vergleich mit den angelsächsischen Medien berichten kann.

In der Tat war es nicht nur die Lektüre, sondern das eigene Schreiben für den »Philadelphia Inquirer« bzw. den »Guardian« in London, die mir Aufschluß über die ganz andere Herangehensweise der amerikanischen bzw. britischen Kritikerkollegen gaben. Für mich war es eine verblüffende Erfahrung, die für die deutsche Kunstkritik so typische Sprödigkeit auf einmal hinter mir zu lassen, etwas, was mir wahrscheinlich gerade durch das Schreiben in einer fremden Sprache leichter fiel. Auch wenn mir nicht die Fülle der Vokabeln zur Verfügung stand, so habe ich den anderen Sound, die andere Sprache fast wie eine Befreiung empfunden.

Worin bestanden nun die Unterschiede? Was geht uns ab in der deutschen Kunstkritik? Dabei sei angemerkt, daß ich mich bei meinen folgenden Bemerkungen vornehmlich auf die Kritik der Tagespresse beziehen möchte. An erster Stelle steht da ein gewisser Pragmatismus, mit dem Kritik an die Kunst herangeht. Sie steht nicht wie häufig bei uns auf einem imaginären Podest, abgeschirmt durch ein unsichtbares Schutzschild, vor dem jede Attacke in sich zusammenfällt, ja in den meisten Fällen wohl gar nicht erst geritten wird. Im Grunde ist dies auch eine weidlich bekannte Kritik an der deutschen Kunstkritik, daß sie nur selten wirklich Stellung bezieht oder bereit wäre, sich mit Vehemenz für oder gegen einen Künstler auszusprechen. Stattdessen versucht sie ihn zu verstehen, um dann seine guten Absichten in wohlmeinende Worte zu fassen. Bei der Lektüre britischer Tageszeitungen jedoch wird man kaum den Eindruck gewinnen können, daß sich in den Redaktionen die eigentlichen Interpretatoren der Kunst befinden; die dortigen Autoren treten vielmehr selbstbewußt geradezu wie deren Leistungskontrolleure auf.

Das mag mit der grundsätzlichen Haltung der britischen Gesellschaft zur bildenden Kunst zusammenhängen, die als allererstes skeptisch ist. Gerade in der Boulevardpresse werden Künstler gerne als die Clowns dargestellt, um es freundlich zu formulieren; die Kunst gilt dort zumeist als absurde Kurzweil der Reichen, an der die Arbeiter ohnehin nicht partizipieren können. Sie dient hier häufig als Passepartout für die bis heute schwelenden Klassenkonflikte; ostentative Unkenntnis bzw. Ablehnung von Kunst wird hier als schichtspezifische Haltung verstanden. So ist bis heute unvergessen, wie die »Tabloids« Anfang der achtziger Jahre gegen den Ankauf einer Arbeit von Carl Andre polemisierten. Man versuchte die Tate Gallery lächerlich zu machen, da sie bereit war für gewöhnliche Backsteine eine horrende Summe auszugeben.

Kunst und vor allem die damit zusammenhängende vermeintliche Geldverschwendung war immer wieder ein beliebtes Ziel solcher Kampagnen, die ebenso wie zum Beispiel die Verwendung von Cockney-Begriffen vor allem dazu dienen, die sich noch als »working class« verstehende Leserschaft an sich zu binden. Aber auch bei der sogenannten seriösen, konservativen Presse kann es diese Haltung geben. Brian Sewell vom Evening Standard ist berühmt-berüchtigt für seine Hasstiraden auf alle Kunst nach 1900; seine reaktionären Kommentare erfreuen sich solcher Beliebtheit, dass er längst eine regelmäßig Kolumne hat.

Diese generell eher feindliche Einstellung der britischen Gesellschaft gegenüber zeitgenössischer Kunst änderte sich zur Verblüffung vieler Beobachter mit dem Auftritt der Young British Artists. Damien Hirsts Aufstieg zum Popstar war erst mit Hilfe der Boulevardmedien möglich. Er lieferte ihnen die benötigte Mischung aus Skandalen und Erfolgsstory. Aber auch insgesamt hat sich die Haltung gegenüber der Gegenwartskunst geändert. Der Turner-Preis ist in allen Medien ein großes Thema; wie bei uns nicht vorstellbar fiebert man gemeinsam der endgültigen Entscheidung unter den vier ausgewählten Kandidaten entgegen. Wobei allerdings das Ergebnis wiederum Polemiken sein können, wie etwa diesmal bei Chris Ofili, der seine Leinwände doch tatsächlich auf Elefantendung zu stellen pflegt.

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©   Nicola Kuhn, 1999