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| Berliner Symposium 1999 | ||||||
| Gerhard Haupt Kritik im Netz - Internet als Medium und Werkzeug der Kunstkritik (1) |
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| Liebe Kolleginnen und Kollegen, anlässlich der Internationalen Funkausstellung in Berlin las man gerade in den letzten Tagen wieder viel Euphorisches über die Ausbreitung der neuen Medien. In Deutschland soll es jetzt schon an die 10 Millionen Online-Nutzer geben. Das klingt zunächst einmal gewaltig, bedeutet aber auch, das immerhin 90 Prozent der Bevölkerung keinen Internetanschluss haben. Ich nehme mal an, ein nicht unbeträchtlicher Teil der hier Versammelten gehört dazu. Andererseits sitzen hier auch einige Spezialisten. So stehe ich also vor der kaum lösbaren Aufgabe, weder an den einen vorbeizureden noch die anderen zu langweilen. Ich bitte daher um Nachsicht, wenn ich längst Bekanntes wiederholen sollte oder aber trotz aller Vorsicht Begriffe auftauchen, die möglicherweise nur denjenigen etwas sagen, die mit der Funktionsweise des Internet vertraut sind. Im Grunde ist es wenig verwunderlich, wenn die Verheißungen des Informationszeitalters für viele überhaupt nicht verlockend klingen. Die Utopien der Anfangsjahre des Internet sind längst durch unverholene Marketingstrategien verdrängt worden. Statt der Interaktion gleichberechtigter Partner scheint es bei der angestrebten Totalvernetzung nur noch um die maximale Erreichbarkeit potenzieller Konsumenten zu gehen. Selbst wenn man sich dem verweigern kann, bleibt immer noch die Frage, ob man sich der ständig anwachsenden Informationsflut tatsächlich aussetzen sollte. Denn mittlerweile ist schon von »Infosmog« die Rede, also von einer nicht mehr zu bewältigenden Fülle an Informationen, die in ein Weniger an Qualität umschlägt. Allein schon der Weg ins Netz der Netze ist ein Graus. Man muss nicht unbedingt technophobisch sein, um die Angebote der Computer- und Softwareproduzenten als Zumutung zu empfinden. Wenn es endlich geschafft ist, die Hardware einzurichten, dann drohen immer noch die berüchtigten Systemabstürze, Einwahlprobleme, immer wieder neue, schwer erlernbare Programme, von böswilligen Zeitgenossen durch das Netz geschickte Viren und vieles Unerfreuliche mehr. Sie werden sich jetzt möglicherweise fragen, warum ich Ihnen all das erzähle, wenn der Titel doch wohl erwarten ließ, dass Ihnen gewisse Vorzüge des Internet für die Kunstkritik nahegebracht werden sollen. Vielleicht nur, um das Missionarische, das unweigerlich in solchen Vorträgen liegt, etwas zu relativieren. Aber ein bisschen Überzeugungsarbeit muss schon sein. Deshalb kommt jetzt der positive Teil: Es sei daran erinnert, dass sich das Internet noch immer in einem relativ frühen Stadium befindet. Das World Wide Web, also der Dienst, durch den die Veröffentlichung und der Abruf von Texten, Bildern, Sound etc. möglich wurde, ist keine 10 Jahre alt. Die massenhafte Ausbreitung des Mediums begann im Grunde erst vor etwa fünf Jahren. Gelegentlich wurde die aktuelle Entwicklung des Internet mit der Frühzeit der Elektrizität verglichen. Als die elektrische Glühlampe das Gaslicht ersetzte, war das eine Sensation. Später machte sich kaum noch jemand Gedanken darüber, woher der Strom kommt, er war eben da. In ähnlicher Weise wird auch das Internet in nicht allzu weiter Ferne in den Alltag integriert sein und nicht mehr als etwas Besonders wahrgenommen werden. In diese Richtung weisen die Prognosen. Bis Ende 2001 soll es in Deutschland an die 17 Millionen Nutzer geben, ein Jahr später sollen es schon über 27 Millionen sein. Derzeit wird die Zahl der Nutzer in aller Welt auf etwa 180 Millionen geschätzt, 2005 soll die Milliarde erreicht sein. Eine solche Entwicklung ist natürlich nur möglich, wenn die eingangs erwähnten Ärgernisse abgestellt werden. Die Industrie weiß das und ist längst dabei, nutzerfreundlichere und billigere Computer und Netzzugänge sowie schnellere Leitungen zu entwickeln. Wie Sie vielleicht gelesen oder gehört haben, war die Verbindung von Fernsehen und Internet das beherrschende Thema der diesjährigen Funkausstellung. Was hat das alles mit der Arbeit des Kunstkritikers zu tun? Durchaus sehr viel. Mit dem Internet ist nicht nur ein neues Kommunikationsinstrument, ein virtuelles Nachschlagewerk oder ein gigantischer Marktplatz entstanden. Schon seit seinen frühen Tagen wird es auch als ein experimenteller Raum für Kunst genutzt. Die »Netzkunst« bzw. »net.art« hat u.a. durch Veranstaltungen wie die ars electronica oder die letzte documenta oder durch die Arbeit von Institutionen, wie dem ZKM oder der Kölner Kunsthochschule für Medien, mittlerweile größere Aufmerksamkeit gefunden. Doch nach wie vor ist sie ein Spezialgebiet von Insidern. Tatsächlich ist das ein spezieller Komplex, auf den ich hier nicht näher eingehen kann. Wenn Sie sich dazu einen Überblick verschaffen möchten, empfehle ich Ihnen besonders die im Netz veröffentlichten Texte in »Telepolis« (darunter »Immaterialien - Aus der Vor- und Frühgeschichte der Netzkunst«, von Tilman Baumgärtel, 26.06.97) und natürlich das Jahrbuch 1998/1999 des Instituts für moderne Kunst Nürnberg zur netz.kunst, konzipiert von Verena Kuni. Es muss ja nicht unbedingt jeder Kunstkritiker zum Experten für Netzkunst werden. Doch die nähere Beschäftigung mit dem Internet ist schon deshalb sinnvoll, weil sich darin neue Formen, Formate und Strategien entwickelt haben, die zunehmend auch in andere Medien und in die künstlerische Praxis im »offline-Bereich« Einzug halten.
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© Gerhard Haupt, 1999 - haupt@uinic.de |
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