Internationaler Kunstkritikerverband, Sektion der BRD
  Berliner Symposium 1999
  Katja Blomberg
Erfahrungen mit Studenten an der RWTH
  (1)

    In einem Moment, in dem die Kunstkritik scheinbar obsolet zu werden beginnt, weil ihre Mittel des Kommentars, der Analyse, des Berichtes, einer Kunst, die immer mehr im Kontext außerkünstlerischer Bereiche aufgeht, nicht mehr gerecht zu werden vermag, die aber auch deshalb überflüssig erscheint, weil sich angeblich immer weniger Menschen der Mühe des geduldigen Lesens unterziehen wollen, - weil sie beispielsweise fernsehen müssen, wie Sigrid Löffler sarkastisch bemerkt hat -, in diesem Moment also haben wir am Lehrstuhl für Kunstgeschichte der RWTH in Aachen im Sommer- und Wintersemester 1998, 1999 ein Seminar zur Praxis der Kunstkritik durchgeführt.

Die Motivation für diese Veranstaltung war zunächst rein sprachlicher Natur: Könnte man jungen Kunsthistorikern über die Kunstkritik, die sie im Rahmen des Seminars selbst aktiv üben sollten, ein Sprachbewußtsein vermitteln, das eine positive Rückwirkung auf ihre künftigen kunsthistorischen Texte ausüben würde? Und damit jene in den Katalogen meist unredigierten Ausführungen, in Zukunft besser verdaubar machen? Könnte man bei angehenden Kunsthistorikern zudem ein Bewußtsein für die Tageskritik als kunsthistorische Quelle wecken? Schließlich werden die aktuellen Ausstellungs- und Publikationsangebote nirgends so zeitnah ventiliert, wie in den überregionalen Tageszeitungen, Wochen- und Monatsmagazinen. Unser Seminar galt also in erster Linie dem Feuilletonjournalismus. Es bot Einblick in das Problemfeld eines Berufes, der jedem der Teilnehmer als zukünftige Betätigungsmöglichkeit offen steht. Und doch war es auch als sprachliche Lockerungsübung angehender Wissenschaftler zu verstehen, die sich nebenbei geistigen Zugewinn im Bereich der Gegenwartskunst versprachen.

Nach Baudelaire, - Klaus Honnef hat es in seinen »Wegen zur Kunstkritik« gerade noch einmal zusammengefaßt -, muss die Kritik parteiisch, leidenschaftlich und politisch sein. Das heißt alles andere als objektiv und wissenschaftlich gerecht. Sieht man einmal genauer hin, so weisen etliche publizierte Texte auch heute noch diese Kriterien auf, ohne sich den Regeln eines seichten Infotainement gänzlich zu beugen. Kunstkritik wirkt bei einer interessierten Öffentlichkeit, und dazu zähle ich zumindest alle Museumsbesucher, immer noch durchaus meinungsbildend. Wer hätte in diesem Sommer nicht alles über eine Ausstellung in Weimar schweigen müssen, hätte man ihm nicht in den Feuilletons eine klare Haltung gegenüber den vermeintlich verantwortungslosen Veranstaltern vermittelt? Da man die Schau nicht gesehen hatte, konnte man als engagierter Zeitungsleser immerhin seine deutliche Meinung dazu äußern.

In der Tat finden Platzverweise aus der Arena Kunst selten statt, wie sie Sigrid Löffler in ihrem bereits zitierten Artikel »Nachruf auf die Kritiker« am 30.12.1998 in der ZEIT als höchstes, aber an der Schwelle zum neuen Jahrtausend überkommenes Gut klassischer Kritik herausstellte. Klassifizierung, Hierarchisierung und Zentralisierung sind kaum noch Kriterien der Tageskritik, da die meisten Berichterstatter sich eher mit den Künstlern identifizieren und daher deren Werke affirmativ darstellen. Kritische Haltungen äußern sich eher gegenüber den Veranstaltern, den Sponsoren und Kuratoren. Damit die kulturpolitische Komponente neben einer mehr oder weniger leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit den geistigen Werten der Kunst.

»Die Kritik muß sich fragen, wo sie bleibt und an wen sie sich noch richtet. Wer ist ihr Adressat?« fragt Sigrid Löffler und resümiert leicht resigniert, aber nicht hoffnungslos: »Die Kritik wird gebraucht, weil Kritik gebraucht wird. Anders als tautologisch ist sie nicht begründbar.«

Ebenso selbstkritisch äußert sich Klaus Honnef in seiner erwähnten Schrift, die als Bd. 8 von der AICA 1999 herausgegeben wurde. »Verliert die Kunstkritik im Treibeis der Postmoderne allmählich an Funktion« fragt er, »weil ihr Gegenstand, die avancierte Kunst, im Meer der Beliebigkeit verschwindet?« Unterhaltungs- und Marktwert scheinen nach Klaus Honnef andere Kriterien, eben die der Klassifizierung und Hierarchisierung, bereits verdrängt zu haben.

Diese Fragen nach der Daseinsberechtigung der Kunstkritik und ihrer Äußerungsformen waren weitere Kriterien, die hinter dem Versuch standen, mit Studenten der Kunstgeschichte Kunstkritik zu üben standen. Wie sich bald herausstellte griffen diese Fragen zunächst jedoch zu hoch, hatten doch die meisten 20 bis 25 jährigen bisher kaum am kritischen Diskurs des Tagesgeschehens teilgenommen.

Seitenanfang weiter ...
  Druckversion
kompletter Text
HTML - 19 kb
Word6/Win9x - 27 kb
   

©   Katja Blomberg, 1999